Programmtexte                                                                                                 

      

 

    in nomine

Im 6. Band der "Elisabethan Consort Music" erscheint unter der Nummer 57 eine außergewöhnliche Ausarbeitung des bekannten "in nomine"-Cantus firmus, - ausgeführt von einem gänzlich unbekannten Komponisten des 16.Jahrhunderts, von dem nicht einmal der Vorname überliefert ist: Picforth. Der "in nomine"-Cantus firmus zeichnet sich dadurch aus, dass er durchweg aus gleichlangen Notenwerten und zusätzlich oft repetierenden Tonhöhen besteht, also für den Komponisten eine erhebliche Herausforderung der Phantasie bedeutet. Picforth steigert das Problem nicht nur dadurch, dass er jede der vier hinzutretenden Stimmen ebenfalls immer in gleichen Werten spielen lässt, sondern er schichtet die Werte auch progressiv übereinander, das heißt (in heutige Werte übertragen):

I "Viertel"                 II "punktierte Viertel"                  III "Halbe"                 C.F. "Ganze"             V "punktierte Halbe"

    Diesem quasi vertikalen Ritartando habe ich in der Bearbeitung ein horizontales hinzugefügt, das, je nach Tempo-Situation (von äußerst schnell zu äußerst langsam), die Gesamtgestalt immer wieder neu und anders erscheinen lässt. "in nomine" ist Harry Vogt gewidmet.


 
 

    under one´s breath

    "under one´s breath" ist eine Folge von fünf Etüden über verschiedene Aspekte von Rhythmen und Geräuschen. Um diese Etüden herum wurden Miniaturen über einen Akkord (Nr.I-VI) gruppiert, die jeweils die einzelnen Etüden miteinander verbinden und zusammen quasi eine sechste Etüde bilden:

I (über einen Akkord)

Etüde aus überlagerten Bewegungen I

II
    Etüde über die Werte 2 & 3

III
    Etüde in 2

IV
    Etüde aus überlagerten Bewegungen II

V
    Etüde über wiederholte Takte

VI

"under one´s breath" orientiert sich in doppelter Weise an Debussy: einerseits durch die starke Aura, die quasi von selbst auf dessen berühmte Sonate aus dem Jahre 1915 verweist, andererseits durch die Reihen- und Etüdenform, die durch Debussys "Etüden" für Klavier angeregt wurde und als undramatischer, aber unter der Oberfläche, wie der Titel andeutet, ständig bewegter musikalischer Verlauf gedacht ist. "under one´s breath" ist dem Sabeth Trio gewidmet.

 

    red and blue

"Woher diese schreckliche Übermacht des Himmelsraums ? Welcher Faustschlag ist niedergefahren auf das Nachtblech und hat es  derart zum Vibrieren gebracht, derart erstrahlen lassen (...) ?" (aus: Francis Ponge - La Mounine) Wie zeitliche Vorstellungen in Bildern zwar verwandelt werden, aber immer noch schattenhaft von ihrer Zeitlichkeit erzählen, so durchlaufen die bildlichen Vorstellungen, durch die die Klangwelt von "red and blue" bestimmt wird, zwar Veränderungen, bleiben aber eigentümlich ihrer Bildhaftigkeit verhaftet. Unterstützt durch kräftige Instrumentalfarben, bei denen jeder Schlag auf die Instrumente noch von der Starre des Metalls, das in der Vibration zum Klingen gebracht wird, erzählt, soll so die Form auf paradoxe Weise im Ohr des Hörers als Bild und Farbe entstehen. "Im einfachen Blau des Himmels wiegt die Seele ihre Flügel auf und nieder - und aus dem letzten Stern stürzt sie sich mit ausgebreiteten Schwingen in die Unermesslichkeit." ( Jean Paul - Über die natürliche Magie der Einbildungskraft)


 
    Rondo

"Warum ein Rondo ?"

Einerseits liegt der Schluss nahe, die Rondo-Form sei seit der klassisch-romantischen Epoche so ausgelotet, dass ihr, gerade wenn man auf dieser Form insistiert, nichts mehr abzugewinnen sei. Andererseits treffen sich in dem Begriff "Rondo" aber viele Aspekte jenseits von Haydn bis Mahler, die dem "Wiederkehren, Pendeln und Kreisen" neue Bedeutungen zukommen lassen. Das Auge ruht dabei, wie bei aller Musik, auf der verändernden Wirkung der Zeit. Sie arbeitet an jeder Wiederkehr, nichts kehrt so zurück wie es zu Anfang erschien. Die Zeit ist der dialektische Motor des Rondos, der das Gleiche (und auch das Rondo selbst) bei seiner Rückkehr als Anderes und Neues erscheinen lässt. Viele Rückblicke und Rückgriffe auf die Geschichte können gleichzeitig zum Fortschritt werden. Was wir für die Gegenwart der Geschichte halten ist wesentlich durch unseren eigenen Blick geprägt, denn die Geschichte ist nicht "einfach so da", sondern wir eignen sie uns an und erfinden sie neu. Deshalb wird, was als "Renaissance" gedacht war, oft gerade zur Geburt von etwas Neuem - ein produktives Missverständnis. So thematisiert "Rondo", wie das Gedicht "Autour de l`amour" von René Char und Andre Breton, auf verschiedene Weisen die erneuernde Kraft der Wiederkehr:

   Je t`enfourai dans le sable

    Pour que la marée te délivre

La liberté pour l`ombre

 

   Je te ferai sécher au soleil

   Des tes cheveux où le phènix tombe dans une trappe

La liberté pour la proie


  "Rondo" ist Towako gewidmet.

 

    Rondo

 

Pourquoi un Rondo ?

Il peut paraître évident de penser, d’un cote, que la forme du rondo a été tellement usée, depuis l’époque classico-romantique, qu’il n’y a plus rien a en tirer, surtout lorsqu’on insiste sur la forme elle-même.  D’un autre cote, le concept de « rondo » est le point de confluence de nombreux éléments sans aucun rapport avec la tradition qui va de Haydn a Mahler, et qui apportent de nouvelles significations a l’idée de retour,, d’alternance et de cercle.

L’attention se fixe ici, comme dans toute musique, sur l’effet modificateur du temps, qui joue sur toute répétition : rien ne revient tel qu’il était apparu a l’origine. Le temps est le moteur dialectique du rondo, ce qui fait apparaître le Même (et le rondo en soi), lorsqu’il revient, comme Autre et comme Nouveau.

Les rétrospectives et retours au passe peuvent, très souvent, donner lieu a un progrès. Ce que nous considérons comme l’actualité de l’histoire est essentiellement formé par notre propre regard, car l’histoire n’est pas « là », simplement présente : nous nous l’approprions et nous l’inventions. Si bien que ce qui était pensé comme une « Renaissance » devient justement la naissance de quelque chose de nouveau – un quiproquo créateur. Rondo prend donc pour thème, de diverses manières, comme le poème Autour de l’amour  de Rene Char et Andre Breton, la force de renouveau que contient le principe du refrain :

 

   Je t`enfourai dans le sable

    Pour que la marée te délivre

La liberté pour l`ombre

 

   Je te ferai sécher au soleil

   Des tes cheveux où le phènix tombe dans une trappe

La liberté pour la proie


  "Rondo" est dédié à Towako.



    tiento

    Gegen Ende des 16.Jahrhunderts fand die noch junge Entwicklung der " reinen " Instrumentalmusik in der Form der Fantasie zu einem wichtigen Höhepunkt. Vor allem in Fantasien über die Töne des Hexachords (mit dem cantus firmus "ut re mi fa sol la") und anderen häufig auftretenden cantus firmus eröffneten sich den Komponisten ungeahnte neue Möglichkeiten. Im Zentrum meines Stückes steht zunächst der Begriff des "tiento" (span., tentar - befühlen, tasten, suchen): das leichte Berühren der Saiten, des Instruments, der Instrumente untereinander und - damit zusammenhängend - die verschiedensten Transformationen gitarrentypischer Artikulationsweisen. Vom Soloinstrument Gitarre, dessen Klangfarbe eine Brücke zur Lautenmusik der Spätrenaissance bildet, ist die gesamte Faktur der übrigen Instrumente abgeleitet. Sie wird zum beweglichen Zentrum des Ensembles, von dem unterschiedlichste Fäden zu den übrigen Instrumenten gespannt werden. Für "tiento" wurde eine ältere Komposition, quasi als cantus firmus aufgegriffen und neu ausgearbeitet. Zwei Aspekte der Phantasie treten dabei in den Vordergrund: zum Einen sind die Formteile des Stücks auf historische Fantasie-Vorlagen bezogen (zum Beispiel von Dowland, Bull, oder Parsons). Diese bilden "Referentiale", zu denen sich das Stück auf sehr unterschiedliche Weisen in Beziehung setzt: von der Übernahme eines Aspekts bis hin zum wörtlichen Zitat. Andererseits gibt es eine prinzipielle Beziehung, da das Stück mit der Spannung zwischen der Freiheit des Einfalls und der  kunstvollen Regelbefolgung, die für die Fantasie der Spätrenaissance charakteristisch ist, arbeitet.

At the end of the sixteenth century in the young life of "pure" instrumental music the form of the fantasia was developed. Many of these fantasias were written on the cantus firmus of the hexachord (ut re mi fa sol la) and other famous cantus firmus, which gave new possibilities to the composers apart from vocal music. My piece is based on the idea of "tiento" (span., tentar - touch, feel, search): to touch the strings, the instruments, the contact between the instruments and - connected with that - the different ways of transforming the typical articulations of the guitar. The solo instrument guitar determines the setting of all the other instruments. "tiento" is connected with two different aspects of the renaissance fantasia: the different parts of the piece are related to historical fantasias (by Dowland, Bull, Parsons and others). They are referentials: from picking up a single aspect to direct quotation. On the other hand there is a principal relation, because the piece is playing with the tension between the freedom of invention and the inventive way of following strict rules.

 
 
 

    > àto <

"Die Spur des Formlosen ist Form." (Plotin)
    àto ist Towako gewidmet.

 


 
 Schlußvignette & Retraiteschuß

Dieser Satz für in drei Besetzungsvarianten ist ein « encore »  ein Mini-Drama, normalerweise am Ende eines Konzerts. Wie der Titel, der Jean Pauls „Billet an meine Freunde“ (aus Quintus Fixlein) entlehnt ist, sagt also eine Schlussvignette, quasi als Abschiedsbrief, und gleichzeitig ein Retraiteschuß, was im Deutsch-Französisch der Jean Paul-Zeit einen Schuss meint, der beim militärischen Rückzug abgegeben wird.

Dem Stück ist ein Gedicht eines französischen Zeitgenossen Jean Pauls hinzugefügt, das den angestrebten Charakter unterstreichen soll:

« Retirez-vous, censeurs atrabilaires;

Fuyez, dévots, hypocrites ou fous,

Prudes, guenons, et vous, vieilles mégères,

Nos doux transports sont pas faits pour vous »

(Mirabeau)

 

 

Cul-de-lampe final & Signal de retraite

 

Ce mouvement pour trio à cordes en trois versions est un bis : un mini-drame à jouer pour clore un concert. Comme l’indique le titre, emprunté au post-scriptum du « Billet a mes amis » de Jean Paul (tiré de Quintus Fixlein), c’est un cul-de-lampe final, presque un lettre d’adieu, en même temps qu’un Retraiteschuss (« signal de retraite »), terme militaire germano-francais désignant à l’époque de Jean Paul le signal annonçant la retraite des troupes.

L’oeuvre es accompagnée d’un poème qui en souligne le caractère, et dont l’auteur n’est autre que Mirabeau, lui-même contemporain de Jean Paul :

« Retirez-vous, censeurs atrabilaires;

Fuyez, dévots, hypocrites ou fous,

Prudes, guenons, et vous, vieilles mégères,

Nos doux transports sont pas faits pour vous »

(Mirabeau)

 

 

    Windmaschine

:" Ich fürchte fast, um die ‚natürliche´ Orgel - (soweit dies Adjektiv für derlei Maschinen zuständig sein sollte) - werde es demnächst, geschehen sein; Wir haben aber schon über Ersatz beraten." (Daß der radikalste eine ,Mundharmonika` vorgeschlagen hatte - der Konzilianteste eine ,Orgel` aus Pappe (was es übrigens gibt !) - also würd` es wohl auf eine Art Hackbrett` hinauslauf`n;

(Arno Schmidt - Die Schule der Atheisten)

              windmaschine      

 

senza parole

 

4 Stücke für 32stimmigen Chor in 4 Gruppen (4 x SSAATTBB):     I luce II mare III abisso IV eco


    "(...) Bilder (...), welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi in der Galerie des Sammlers - stehen." (W. Benjamin - Denkbilder) Wörter sind wie Bilder. Die vier Wörter, die jeweils den Ausgangspunkt und den Titel für die Sätze von "senza parole" bilden, sind aus ihrem ursprünglichen Kontext - einem Gedicht von G. Ungaretti - herausgebrochen. "senza parole" wird so zur "Galerie des Sammlers", in der versucht wird, in musikalischen Bildern den Ort in der Erinnerung zu bezeichnen, an dem diese Wörter aufgefunden wurden. Als "Brille" für diese Suche nach den Wörtern (den "Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächer unserer späten Einsicht") und als kompositorische Grundlage dient hier das Spannungsfeld zwischen der Stimme als "Instrument im Körper" und der "Instrumentalisierung des Gesangs" im musikalischen Satz. Dem körperlichen Ausdruck des Singens werden dabei verschiedene Aspekte automatisierter (aber nicht unbedingt repetitiver) Prozesse gegenübergestellt und alle körperlichen Gesten dadurch in einem strukturellen Netz gebunden. "senza parole" befindet sich satztechnisch und in der Art, wie es den Raum (im doppelten Sinn als musikalischem Raum und als realem Konzertraum) nützt, auf dem Schnittpunkt dreier Dimensionen der Chormusik: der Mehrchörigkeit, dem Chor als Kollektiv und dem Chor als Vielzahl von Solostimmen. Zwar ist das Stück durchgehend 32stimmig notiert, aber es kann, da alle Stimmen in einem Netz eingebunden sind, kein solistischer Eindruck entstehen. Gleichzeitig lockert das Netz gerade den Eindruck eines Gesamtchores auf und verweist dadurch wieder auf die Einzelstimme. Auch sind die Stimmen in 4 achtstimmigen Chören angeordnet, aber es entsteht keine klassische Mehrchörigkeit mit Chorgruppen als musikalischen Einheiten, sondern die Gruppierung dient eher dazu, den Raum im voraus zu gliedern und den Ort im Raum zu einer abtastbaren Möglichkeit, zu einer Station auf der Wanderung der Töne im Liniennetz des strukturellen Verlaufs werden zu lassen.


 


      Marien-Lieder

- aus dem Geleitwort zum "Mädchenliederbuch" für katholische Mädchenvereine, Jungfrauenvereine, und Kongregationen; Dienstmädchen- und Arbeiterinnenvereine, Institute und hauswirtschaftliche Schulen: Mädchen singen ja noch lieber als Burschen, von Mädchenlippen tönen ja schlimme Lieder womöglich noch hässlicher. Darum bedarf die weibliche Jugend erst recht eines edelfrohen Liederschatzes !(...) Singe mit den hellen, reinen Mädchenstimmen um die Wette mit der Lerche über der Frühlingssaat und verkürze die langen Winterabende am prasselnden Herdfeuer !

Weihnachten, 1911, die Vorstandschaft der katholischen Burschenvereine Bayern, Fünfte Auflage.

Trotz der Kriegszeit hat auch die vierte Auflage den gleichen Absatz gefunden wie die früheren. Möge auch die neue unveränderte Auflage die gleiche gute Aufnahme finden!

     Regensburg, Juli 1918

    "Martina: (kaltblütig : dergleichen klinge aber doch ziemlich tyrolisch)" (A. Schmidt - Abend mit Goldrand, S.11)

                                             tre marie  

 

    Der Vorhang geht auf. Das Theater stellt ein Theater vor.

    Der Text des vorliegenden Stücks ist dem historischen Schauspiel "Verkehrte Welt" (1798) von Ludwig Tieck entnommen, es ist die erste von fünf, von Tieck mit Worten umschriebene Bühnenmusiken, die im Original den Titel "Symphonie" trägt und gewissermaßen die Funktion der Orchesterouvertüre im Schauspiel übernimmt. Der Tiecksche Text ist in zehn Abschnitte gegliedert, die mit Überschriften wie "Andante aus D-Dur", "Crescendo", Violino primo solo" oder dem paradoxen "Pizzicato mit Accompagnement der Violinen" versehen sind, und denen die von mir komponierte Musik mit Distanz und Nähe folgt. Diese Abschnitte illustrieren einerseits durch Klangfarbe, Sprachrhythmus und -melodie die musikalischen Titelvorgaben und erzeugen auch für die Abfolge der Teile musikalischen Sinn, andererseits spricht der Text inhaltlich eine eigene Sprache, die zwar dadurch, dass sie teilweise über die Verwandtschaft von Musik und Sprache reflektiert, mit dem Musikalischen vermittelt ist, dagegen aber auch von Musik unabhängige Bereich berührt. Diesem, mit Musik vermittelten und verzahnten Text habe ich eine ebenso vermittelte Gegen-Musik hinzuzukomponieren versucht, die es nicht beim Dazusingen belässt, sondern zu >sprechen< beginnen soll, und so, als andere Seite der Medaille, mit dem Text in einen Dialog tritt, durch den sich beide gegenseitig beleuchten.

        monde renverse 
 

 

    madria

Francesco Landini zählt zu den ersten Komponisten, die ein eigenes und unabhängiges Selbstverständnis als Künstler entwickelt haben - seine Werke wurden wegweisend für die Frührenaissance in Italien. Er gehörte der Florentiner Bürgerschaft an, die den Schritt aus dem Mittelalter vollzog, der modernsten Gesellschaftsschicht des Trecento. In mehreren seiner Werke nimmt er eine individuelle und selbstbewusst kritische Haltung ein, daher finden selbst autobiographische Texte Einlass in seine Stücke. Hier ist erstmals ein ausgeprägtes Verhältnis von Wort und Musik anzutreffen, die sich nicht nur bestätigen, sondern deutlich distanzierend kommentieren. Den Ausgangspunkt von madria bilden vier Vokalstück von Francesco Landini, die einzigen überlieferten Madrigale für drei Stimmen, in denen italienische und französische Kompositionstechniken amalgamiert sind. "Si dolce non sono" beruht auf einer isorhythmischen Konstruktion; "De! dinmi tu" weist eine kanonische Struktur auf. Interessant an "Musica son" ist die Verwendung von drei gleichzeitig vertonten Texten mit autobiographischem Inhalt. Madria ist keine Bearbeitung oder Orchestrierung im landläufigen Sinn, eher eine Re-Vision, die Neubefragung einer fast vergessenen Vorlage. Es ist eine kompositorische Interpretation nach dem Prinzip der Annäherung und Entfernung, denn, auch wenn einzelne Parameter wie mit einer Lupe vergrößert und herauspräpariert werden, klingt doch umrisshaft das Original wie von Ferne durch. Die satztechnische n Kühnheiten Landinis erfahren durch die farbliche Gestaltung und dynamische Differenzierung noch gleichsam eine manieristische Steigerung. Auch die Besetzung verweist auf moderne und alte Tradition zugleich. Das Trio von Bassklarinette, Akkordeon und Kontrabass schlägt als gehobenes Straßenmusiktrio der Jetztzeit den Bogen zu den Spielmännern und Trouvères, die ihre Spiel- und Sangeskunst ind die Kammern des Adels wie in die Strassen der Bürger trugen. Es bringt, bei aller Subtilität, etwas Subversives ins Spiel, "musica impura" als quasi volkstümlicher Kommentar. Madria ist eine musikalische Verneigung vor Francesco Landini, die mit Distanz und, scheinbar paradox, Leichtfüßigkeit operiert, um die "Kleinigkeit von sechshundert Jahren" zwischen Landini und unserer Zeit zu überbrücken.

    "Jede Sprache hat ihre eigene Struktur, die sich in dieser Sprache nicht kritisieren lässt. Um Sprachkritik zu üben, gilt es, eine zweite Sprache zu finden, die sich auf die erste bezieht, jedoch gleichzeitig eine eigene Struktur besitzt." (Richard Serra)

 

                         landini2   

madria est une référence musicale à Francesco Landini, le plus grand maître du Trecento italien. C'est l'un des tout premiers compositeurs à intégrer dans ses oeuvres des éléments autobiographiques ou des réflexions sur sa conception de la musique et il fut l'un des précurseurs de l'art de la première Renaissance à Florence. Madria (qui signifie >madrigaux< en vieil italien) tente - paradoxalement en apparence - de traverser d'un pied léger la >bagatelle< de six cents ans qui séparent l'époque de Landini de la notre. Une aide décisive vient de l'effectif choisi (clarinette basse, accordéon et contrebasse) qui, sorte de nouvel ensemble de musiciens ambulants, de >Schrammel< (>musique de guignette<) anobli, fait le lien avec le caractère dansant du modèle, combinant ainsi - tout aussi paradoxalement - une sorte de musica impura avec des raffinements souvent maniéristes.

"Chaque langage a sa structure propre, qu'on ne peut critiquer à  l'intérieur de ce langage. Pour procéder à une critique du langage, il faut trouver un second langage, qui se rapporte au premier, mais possède en même temps une autre structure."   (Richard Serra)


 
    a garland

        a garland = circle of flowers or leaves as an ornament or decoration;

  garland      
 

 

     Hand-Stücke

    Die "Hand-Stücke" verdanken ihren Titel den gleichnamigen Klavierstücken D. G. Türcks (1750-1813), dessen Werke sich durch äußerste Kürze und Schlichtheit einerseits, durch überdimensionale Titel und entsprechend wohlkalkuliert - uneinlösbarem Anspruch andererseits auszeichnen.

Bagatelle         "Benennung eine kleinen, auch leichten Tonstücks;" (Musikalisches Lexikon, J.E.Häuser 1833)
"(Kleinigkeit) ein kleines Tonstück leichten Inhalts;" (Musikalisches Conversations-Lexikon, A.Gathy 1835)

                            "eine Kleinigkeit, Sache ohne Bedeutung. Chaulieu, Hünten, Lemoine und andere Komponisten betitelten wohl so kleinerer Musikstücke, die sie für Anfänger zur Uebung schrieben," (Universal-Lexikon der Tonkunst, Gaßner 1849)

"(franz.), wörtlich eine Kleinigkeit, nennt man in der Musik ein Tonstück von geringem Umfange und leichtem, ansprechenden Inhalte. Die Klavierliteratur namentlich ist reich mit solchen in der Regel nichts sagenden Tändeleien bedacht, der Pariser Componist Le Carpentier zählt dieselben allein nach Hunderten." (Musikalisches Conversations-Lexikon, Mendel 1870)


 
 

    musarion

"musarion" wurde durch das Gedicht in drei Büchern "musarion - oder die Philosophie der Grazien" von Chr. M. Wieland (1733-1813) angeregt. Das Stück befindet sich ständig in einem Schwebezustand zwischen Erklingen und Nichterklingen; an dieser Grenze bewegt es sich entlang, wobei die unterschiedlichsten technischen Aspekte des Streichinstruments sich wechselseitig aufheben: zum Beispiel werden dabei lange Noten mit tonlosem Spiel kombiniert oder eher klangvolles Spiel in Figurationen aufgelöst. So entsteht eine "Wechselspannung", die dem Spiel der Figuren in Wielands Gedicht verwandt ist, deren Dialoge eher feinsinnig -elektrisch als dramatisch - selbst wenn sie über Dramatik sprechen - verlaufen.

 

    Kowalski / Schöllhorn - Pierrot lunaire

        Max Kowalskis "Pierrot" entstand, ein Jahr nach seinem berühmten Kollegen von Arnold Schönberg, im Jahre 1913. Die textliche Grundlage ist in beiden Stücken die gleiche: "Pierrot lunaire" von Albert Giraud in der Übersetzung von O.E.Hartleben, wobei Schönberg und Kowalski jeweils nur eine Auswahl (bei Schönberg sind es 21, bei Kowalski 12, davon 6 gleiche Gedichte wie bei Schönberg) aus der rund 50 Gedichte umfassenden Sammlung getroffen haben. Kowalskis ursprüngliche Besetzung ist Stimme und Klavier, die in der vorliegenden Bearbeitung durch Flöte, Klarinette, Violine und Violoncello zum "Pierrot-Ensemble" ergänzt wurde. Diese Kombination wurde, nicht nur in direkter Schönberg-Nachfolge, zu einer Standard-Besetzung, für die sehr viele Stücke komponiert wurden, z.B. Eislers "14 Arten den Regen zu beschreiben" oder Donatonis "Etwas ruhiger im Ausdruck". Der etwas konservative, leicht salonartige und oft skurrile Satz Kowalskis wird hier nicht nur instrumentiert, sondern an vielerlei Stellen (im Sinne einer "Übermalung") geschärft, kontrastiert und kommentiert, wird selbst zum Gegenstand einer durch Pierrots
Wesen angestachelten Betrachtungsweise. Hierbei ist, abgesehen von der Besetzung, keine Annäherung an Schönberg versucht worden.


 
     bis

"bis" ist ein Divertimento über sieben Arten des Aufhörens von / in Musik.

Etwas hört auf, weil es nur aus einer Bewegung besteht, die von ihrem Anfang zu ihrem Ende verläuft, also schon am Anfang zu Ende ist.

Etwas anderes endet, weil es sich identisch wiederholt. Seine innere Entwicklung wird durch die Verdopplung entwicklungslos.

Ein drittes stoppt sich doppelt, weil es einerseits rückwärts und vorwärts/rückwärts gleichzeitig vorkommt und damit richtungslos wird; andererseits, weil Pressendes selbst immer mehr zusammengepresst wird, bis es still steht.

Ein weiteres endet leer, weil es in spiralförmigen Kreisen immer dünner wird.

Eine Serie ohne Ende ist vorbei, weil sich einfach einer nach dem anderen verabschiedet. Etwas führt nirgendwo hin, weil es glaubt sich aus seinem Ende herausmogeln zu können. Mit Konventionellem wird versucht, das Ende zu kaschieren, - hinein in die Folgenlosigkeit des "schönen Scheins".

Eines wird an sein Ende gebracht, indem es uniformiert wird, wobei sich herausstellt, dass nur eine Uniformierung mit der anderen vertauscht wird.

Etwas strudelt sich zu Ende und in kurzatmiger Wiederholung gefangen bleibt eine puppenhafte Bewegung, die irgendwann abgeschnitten wird.

Dazu tritt die paradoxe Situation, dass die Einzelstimmen ihrer Gestalt nach Tuttistimmen sind, aber im Trio als Solostimmen erscheinen, also ähnlich den Arten des Aufhörens ihr "Anderes" nur schmerzlich erahnen lassen.

 

 

bis est un divertimento qui traite des sept manières, pour une pièce,  de s'interrompre :

- une chose s'arrête si elle est constituée d'un seul bloc qui court du début jusqu'à la fin comme si en son début était déjà la fin.

- une autre chose s'arrête parce qu'elle se répète inlassablement de façon identique ; la répétition rend le développement impossible.

- une troisième chose s'arrête de deux façons qui n'en sont qu'une ; d'un côté elle se présente simultanément en marche avant et en marche arrière, et d'un autre côté son matériau est de plus en plus comprimé jusqu'à l'immobilité statique.

- quelque chose s'arrête dans le néant après s'être vidé de toute densité en des cercles concentriques.

- une série sans fin s'éteint d'elle-même car à chaque pas elle devient plus évanescente pour finalement disparaître.

- une chose arrive à son terme quand elle touche au plus près du stéréotype.

- et enfin la chose s'arrête après s'être enfermée dans les convulsions répétitives d'une marionnette qui, à un certain moment, devront être interrompues...

 

 

    Pentagramm

Pentagramm thematisiert die Nicht-Umkehrbarkeit der Zeit. Der Ausgangspunkt des Stücks war, ähnlich wie in der Lyrischen Suite von Alban Berg oder in Commiato von Luigi Dallapiccola, ein musikalische Verlauf, der ab der Mitte rückläufig ist, - ein musikalischer Krebs, der auf die Gesamtform übertragen wurde und alles, wenn auch einmal rückwärts, zweimal präsentiert. In Pentagramm bewegt sich die Musik in vier Teilen auf die Mitte, die im fünften, in sich symmetrischen Teil liegt, zu und danach Teil für Teil wieder. Aber die Formen dieser Wiederkehr sind planvoll durcheinander gewürfelt: der erste Teil kommt zwar rückwärts, aber nicht, wie zu erwarten, am Schluss, sondern direkt nach der Mitte wieder; der zweite und vierte treten teils rückläufig, teils in originaler Abfolge - aber neu zusammengesetzt - auf; der dritte schließlich wurde zerschnitten und die Fragmente als Einwürfe auf das ganze Stück verteilt. So entsteht ein Spiel mit den beiden Aspekten "vorwärts/rückwärts" und "alles-kommt-zweimal", das sich auf vielfältige Weise in den Details der Musik fortsetzt und immer auf der Suche nach den oft paradoxen Verhältnissen zwischen Ordnung und Verwirrung, Zusammenhangslosigkeit und Zusammenhang ist.



    berstend - starr

            "Das Dilemma jeden Versuchs, schnelle Bewegung fotografisch sichtbar zu machen, ist bereits unlösbar im Prinzip der  Fotografie angedeutet. Denn Fotografieren ist ein bildliches Festmachen von Abläufen. Absurderweise werden also Geschwindigkeiten oder  Bewegung am Besten dadurch ersichtlich, dass sie >eingefroren< werden."

                                                           (du - die Zeitschrift der Kultur: Geschwindigkeit - der überhitzte Augenblick)

 

            "berstend-starr" ist ein Ausarbeitung der ersten Version von Pierre Boulez' offenem Form-Konzept "..explosante-fixe...", die in dem vorgefundenen Material versucht zwischen Regeltreue und Vermeidung ungeschriebener Gesetze eine eigene Klangwelt zu finden.

        "Wie können wir wissen, wovon der Schatten ein Schatten ist?" (L. Wittgenstein)

 

"berstend-starr" is an implementation of the early version of "...explosante-fixe..." by Pierre Boulez.

 

"Every language has its own structure which cannot be criticized within this language. To conduct a criticism of the language, it is necessary to find a second language which relates to the first, but simultaneously possesses another structure."

                                                                                                                                                                   (Richard Serra)
 
 

    les ombres - die schatten

5. Grieche:          He, was zeigst du auf meinen Schatten?

 3. Grieche:         Nur als Beispiel.

 5. Grieche:         Zeig gefälligst auf deinen eigenen.

 3. Grieche:         Schatten sind Schatten, die sind alle gleich.

(aus: F. Fühmann - Hörspiel "Die Schatten")

 

    vor Augen

"vor Augen" ist der Sonderfall eines Melodrams, in dem alles Melodramatische - wenn überhaupt vorhanden - allein in die Instrumente verlegt ist und die Sprechstimme einen hintergründigen Faden, der aber alle Elemente des Stücks zusammenhält, bildet. Nur selten tritt dieser Faden erkennbar an die Oberfläche des Klangs und weckt mit kurzen Wortfetzen weit gefächerte Assoziationen. Wie die Personen und die Landschaft in dem imaginären Buch, von dem in Martin Kalteneckers Text erzählt wird, tauschen in "vor Augen" Vorder- und Hintergrund ihre Rollen. Die Musik als landschaftliches Kolorit und Dekor im Melodram wird zum Vordergrund, wogegen die Erzählung in der Sprechstimme fast im Hintergrund zu verschwinden scheint. So wird der Blick auf die Elemente Text und Musik - nicht diese Elemente selbst - zum Thema dieses Stücks.

                                                        Tote Düfte. übliches Verirren.
     Und so fehlte jegliche äußere
    Handlung, -
                                                        kein Nachtstück.
                                                        Alles in falscher Ordnung.
    was geschieht und wo, diese beiden
    stecken sich immer gegenseitig an:
    ich wollte
                                                        Mehrfach Gewitter.
                                                        Unsteter Sommer.
    ein Buch, in dem Ort und Geschehen
    sich  den Rücken zukehren  oder
    nebeneinander herlaufen. Und  wenn
    nun einmal die Handlung   als
    Hintergrund diente ? Ich hatte  ein
    Buch vor Augen, in dem die Handlung
    nur in Trümmern vorkommt, wie  ja
    alles hier; wo Äußerungen nicht mehr
    Gewicht hätten, als die Glühwürmer
    oder die fernen Geräusche einer
    generellen Nacht, durch die sich,
    wie  beglänzte Fäden unter
    knisternden Sternen,  eine  Hand-
                                                        Das Buch hält den Atem an
                                                        (Sommer im Sommer).
    lung
                                                        Rosen und Flöten,
                                                        zynische Balkonszene.
   windet.
 
 

    Descriptions automatiques

"Ich schrieb die Descritpions automatiques zum Anlass meines Namenstages. Dieses Werk bildet die Fortsetzung der  Véritables Préludes Flasques. Es ist vollkommen klar, dass die Kriecher, die Unbedeutenden und die Schwülstigen daran keine Freude finden werden. Sollen sie doch ihre Bärte hinunterschlucken! Sollen sie sich doch auf den Bäuchen herumtanzen!" (E.Satie)

Die 1903 verfassten Descriptions automatiques sind ein kleines, äusserst raffiniertes Puzzle-Werk voller versteckter Hinweise und Zitate, in denen Satie auf leichtfüßige Weise die >ecriture automatique< der Surrealisten um 10 Jahre vorwegzunehmen vermochte und aus dem freien Fluss des Assoziationen drei kleine Edelsteine entstanden sind. Der erste ist ein charmant schwankender Tango mit dem Titel "Sur un vaisseau" und zitiert das Kinderlied: "Mama, haben die kleinen Schiffchen auch Beine ?". Der zweite beschäftigt sich scheinbar allgemein mit dem Thema >Beleuchtung<, aber die Laternen werden zu den Galgen des Jahres 1789, die das Zitat des Revolutionsliedes "Ah ca ira" hinweist. "Sur un casque" ist eine möglicherweise von Debussy inspirierte Parodie einer Militärparade, die, ähnlich wie bei "Général Lavine excentric", mehr dem Zirkus als dem Exerzierplatz angehört. Die Bearbeitung der Descriptions automatiques folgt wörtlich der Vorlage Saties un versucht die im Stück angelegten Farben durch die Instrumentierung zu unterstreichen.



    Ralentir Travaux

    (entspricht dem Warnschild: Vorsicht Baustelle!) ist der programmatische Titel eine Gedichtbandes, der im März 1919 als Kollektivwerk von André Breton, René Char und Paul Éluard bei einem gemeinsamen Aufenthalt in der Provence geschrieben wurde (während der Autofahrt, im Café, beim Durchstreifen von Avignon). Ursprünglich als Musik zusammen mit einem Film von Armin Schneider konzipiert, durchläuft das Stück ein Folge von fünf Bildern, die sich schon in den Titeln (I Vorspann, II object of distruction, III Schatten, IV Im Tunnel, V Abspann) und in der musikalische Ausarbeitung deutlich auf die Welt des Films beziehen.

                            raltrav       
                                                Uraufführung von "Ralentir travaux" in Witten 1993 mit dem
                                                gleichnamigen Film von Armin Schneider
 
 

    Les Petites Filles Modeles

    (Inhaltsangabe)

    Les Petites Filles Modèles“ spielt in einer Welt der Mädchen und der Frauen.

Als Prolog des ersten von drei Teilen stellen sich Camille und Madeleine, die beiden Töchter von Madame de Fleurville (die Pianistin), vor. Plötzlich ereignet sich ein Unglück: ein Kutsche stürzt um und Madame de Rean (die Harfenistin), die mit ihrer kleinen Tochter Margerite in der Kutsche saß, wird verletzt nach Fleurville gebracht. Sie wird von Ärzten (den Schlagzeugern) gepflegt und nach und nach erholt sie sich, während Margerite, Camille und Madeleine mit einer Kleiderkommode spielen. Madame de Rean wird gesund und, als die Zeit zum Abschied kommt, schlägt Madame de Fleurville vor, auch weiterhin zusammenzubleiben, da sie doch beide ihre Männer verloren hätten. Madame de Rean willigt ein und die Kinder freuen sich darüber in einem kleinen Finale. Der Prolog des zweiten Teils gehört Sophie. Sie ist die heimliche Hauptperson des Stücks. Sophie und ihre (schreckliche) Stiefmutter, Madame Fichini, besuchen Fleurville. Zunächst wird ausgiebig in einer „Air de belle toilette“ Madame Fichinis Robe aus lila Taft gewürdigt. Danach gehen die Kinder in den Garten. Die (etwas) wilde Sophie tritt in die Blumen von Camille, es kommt zur Schlägerei, die Mütter eilen herbei, aber Camille nimmt die Schuld an dem Kampf auf sich, um Sophie zu schützen, die sonst Schlimmes von ihrer Stiefmutter zu befürchten hätte. Zur Strafe werden die Kinder zum Rechnen üben geschickt und Camille soll beim Abendessen keinen Nachtisch erhalten. Die Kinder laufen danach zum Teich, in den kleine Igel gefallen sind und ums Überleben kämpfen. Sophie möchte ihnen, damit sie nicht so leiden müssen, mit einem Stock auf den Kopf schlagen, aber dabei stürzt sie selbst in den Teich. Wieder laufen die Mütter herbei, Sophie wird triefend gerettet, aber nun entkommt sie ihrer Stiefmutter nicht und sie wird in einem „Danse du fouet“ geschlagen. Madame de Fleurville schreitet ein und kurzerhand beschließt Madame Fichini, da sie die kleine Stieftochter ohnehin loswerden wollte, diese in Fleurville zu lassen und nach Italien zu verschwinden. Es ist Zeit zum Abendessen, aber Camille (und aus Mitleid wegen des Nachtischs auch Madeleine) möchte gar nichts essen. Madame de Fleurvilles Herz lässt sich erweichen, alle Kinder bekommen ein Desert und fallen selig in den Schlaf. Der dritte Teil beginnt mit einem Brief von Madame Fichini, in dem sie mitteilt, dass sie sich in Italien neu verheiratet hat und nicht zurückkehren wird. Die Kinder bitten ihre Mütter Sophie bei sich aufzunehmen, die Mütter willigen ein und die Kinder tanzen vor lauter Freude ein „Ronde infernale“. Camille hat sich beim Tanz sehr erschöpft, sie wird krank und die Ärzte diagnostizieren: Windpocken! Das Kindermädchen Elisa pflegt Camille, die ihren Krankheitsverlauf singend beschreibt, und wird daraufhin leider selbst krank. Nun ist die Reihe an Camille, Elisa zu pflegen. Als alle wieder gesund sind, wird zu diesem Anlass ein kleines Fest veranstaltet, in dem die Kinder für Elisa ein „petite spectacle“, ein kleines Theater im Theater aufführen, mit dem das Stück ausklingt.

 

                        sylvie (Sylvie Gregoire als Sophie)

Comtesse de Ségur ist wohl die bekannteste Kinderbuchautorin des 19.Jahrhunderts in Frankreich und noch heute kennt, vergleichbar dem Strubelpeter, nahezu jedes Kind die Abenteuer der kleinen Sophie, die Comtesse de Ségur in ihren Büchern „Les Malheurs de Sophie“, „Les Vacances“ oder „Les Petites Filles Modèles“ erzählt. Comtesse de Ségur wurde in Russland als Sophie Rostopchine geboren und ging, als Braut des Comte Eugène de Ségur, der zusammen mit Napoleon bis Moskau kam, nach Frankreich. Als sie schon Großmutter war, begann sie für ihre Enkel Geschichten aufzuschreiben, und die Erzählungen über Sophie stellen ein kleines (Selbst)Portrait ihrer eigenen Kindheit dar.

 

Suite

besteht aus sieben Instrumentalsätzen aus der Kammeroper „Les Petites Filles Modèles“, die 1995 auf ein Libretto nach Comtesse de Ségur entstand. Comtesse de Ségur ist wohl die bekannteste Kinderbuchautorin des 19.Jahrhunderts in Frankreich und noch heute kennen, vergleichbar dem deutschen Struwwelpeter, viele Kinder die Abenteuer der kleinen Sophie, die Comtesse de Ségur in ihren Büchern „Les Malheurs de Sophie“, „Les Vacances“ oder „Les Petites Filles Modèles“ erzählt. Brave und weniger brave Kinder, fürsorgliche Mütter, böse Stiefmütter, und viele Abenteuer in der kleinen und großen Welt der Kinder sind darin zu entdecken und klingen wie ein Echo in der Suite nach.

 

Musikfilm

 

"Sie sehen gleich: Es ist hier auf keine Weise Spaß herauszuholen. Es geht hier kein Wind in kein Segel. Es gibt hier keinen >guten Sport<.

                                                                                                                                      (B. Brecht - Mehr guten Sport, 1926)

Der vierte der neun Sätze umfassenden Auswahl aus "Musikfilm Op.51" (1927) für Klavier von J. M. Hauer, die ich für Kammerensemble instrumentiert habe, trägt den Titel "Sport". Zwar zeigen die Hauerschen Originale äußerlich nicht die knochige Trockenheit, die sonst oft seine Werke charakterisiert, dennoch mag sich in den Stücken - außer schlicht linear - keine Dynamik im ursprünglichen Sinne von fließender oder sich entwickelnder Beweglichkeit und Agogik einzustellen. Hauers Musik erscheint wie die eines "österreichischen Erik Satie", der, bezeichnenderweise und im Unterschied zu jenem, selbst gerade nichts von seiner "Satieartigkeit" weiß. Daher nahm sich die Instrumentierung vor - Hauers eigenes Instrumentieren in anderen Werken bewusst (nicht einmal) ignorierend - ein wenig "divertissement" in diese sportliche Übung zu tragen. J. M. Hauer als musikalischer Turnvater ? Er möge mir verzeihen.

 
 

  Anamorphoses
 

Der Begriff Anamorphose bedeutet Gestaltwandlung, Verzerrung und wird in der Kunstgeschichte vor allem für Gemälde des Manierismus des 16. Jahrhunderts angewandt. Anamorphotische Gemälde zeigen, je nachdem, aus welcher Perspektive oder Richtung man sie betrachtet, ganz Verschiedenes in der Darstellung. So kann zum Beispiel in der Frontalansicht eine Landschaft, von einem schrägen Blickwinkel aus aber das Profil eines Menschen sichtbar werden. Ebenfalls können durch optische Hilfen, wie verspiegelte Zylinder oder Kegel, aus einem scheinbaren Gewirr von Farben und Formen plötzlich klare Gestalten hervortreten.

„Amamorphoses“ ist eine Sammlung von 7 Sätzen, die auf Kontrapunkten der Kunst der Fuge von Bach basieren, welche jeweils unter neuen kompositorischen Blickwinkeln betrachtet werden. Wie Bach sein sogetto in jedem Satz neu entwickelt und ganz nebenbei anderen muskalischen Formen wie der französischen Ouvertüre oder dem italienischen Konzert huldigt, so variieren in „Anamorhoses“ die musikalischen Kegel- und Zylinderspiegel der Bearbeitungstechniken und lassen daraus neue Farben, Stile und Formen hervorspringen.

„Anamorphoses“ entstand im Auftrag und für das Ensemble Ictus.

 

 


 

about the seventh (1992)

ist eine Bearbeitung der gleichnamigen Gruppe von 5 Stücken aus Stefan Wolpes „music for any instruments“ aus den Jahren 1945/46. Von den ursprünglich fünf zweistimmigen Stücken sind nur vier erhalten, so dass für die Bearbeitung ein fünfter Satz im Stile Wolpes komponiert wurde. Jeder Satz wurde dreimal instrumentiert, wobei in der Stilistik der Bearbeitung mit den reichlich unsicheren Kategorien „Nähe“ und „Distanz“ zur Musik Wolpes auf möglichst vielfältige Weise gespielt wurde. Die daraus resultierenden fünfzehn Sätze wurden daraufhin planvoll in neuer Reihenfolge durcheinander gemischt. Das Ziel war eine prismatische Konstellation der Miniaturen, in denen die neu entstandenen Blickwinkel auf die Musik Wolpes sich gegenseitig neu beleuchten sollten. In diesem Sinne gilt auch für about the seventh der Satz John Bergers: „(...) umfasst der Akt der Annäherung an einen gegebenen Moment von Erfahrung sowohl die genaue Untersuchung (Nähe) als auch das Vermögen, Zusammenhänge herzustellen (Distanz). (John Berger -  SauErde)

 

 

 

kazabana (1998)

 

„Er trug ein weißes Gewand und sah, wobei er gleichzeitig eine Pflaumenblüte berührte, zum Himmel auf, von dem es auf den wenigen Schnee, der die „Freunde erwartend“, liegengeblieben war, noch weiter in leichten Flocken herabschneite.“

 (Murasaki Shikibu – Genji Monogatari)

        "kazabana", ein fremdes, altes poetisches japanisches Wort wurde zur wichtigsten Anregung für dieses Stück. Diese Komposition sehe ich als Versuch, die Erinnerung an einen besonderen poetischen Augenblick zu vermitteln, einen Versuch, der sich eher auf das Erinnern selbst als den Gegenstand der Erinnerung konzentriert. Das Ziel des Stückes ist es, das Empfinden des Augenblicks zu vermitteln, als Sehen und nicht als Wiedererkennen.

        "kazabana" entstand im Auftrag des Ensemble Modern und wurde 1998 in Akioshidai (Japan) uraufgeführt. Es ist Sato Noboru und Sakae gewidmet.


 
 

    Hexagramm (1989)

    In "Hexagramm" treten zwei formale Aspekte der Phantasie in den Vordergrund : zum Einen sind die Formteile des Stücks auf historische Phantasie-Vorlagen bezogen ( zum Beispiel von Dowland, Bull oder Parsons ); diese bilden gewissermaßen "Referentiale", zu denen sich das Stück auf sehr unterschiedliche Weisen in Beziehung setzt, - von der Übernahme eines Aspekts bis hin zum wörtlichen Zitat. Andererseits formal-diskursiv, da das Stück die charakteristische Spannung zwischen der (programmatischen) Freiheit des Einfalls und der kunstvollen Regelbefolgung in sich trägt; das bedeutet, dass nicht einfach geordnet oder ungeordnet vorgegangen wird, sondern das Zentrum des Interesses liegt gerade auf den Wechselwirkungen von "geordnet" und "ungeordnet", wann, wo und wie Ordnung Unordnung stiftet und umgekehrt.

    "Je nun, eine gute Verwirrung ist mehr wert, als eine schlechte Ordnung." (L. Tieck)

     hexagramm           

 

 

   phanias
 

   Wie du mich martern kannst, Musarion! Viel lieber Stoß einen Dolch in dieses Herz, das du nicht glücklich machen willst!" "Nichts tragisches, mein Lieber! Komm setze dich gelassen gegen über, Und sag' uns im Vertraun, wie viel gehört dazu, Damit ich dich so glücklich mache Als du verlangst?" - "Mich lieben, wie ich dich!" "So liebt mich der noch so kürzlich mich Mit Abscheu von sich warf?" -

    (Zitat aus: Chr.M.Wieland - Musarion oder die Philosophie der Grazien, drittes Buch)

"phanias" ist die Violinversion des Viola-sola-Stücks "musarion"(1985/1986). Das Stück wurde durch das Gedicht in drei Büchern Musarion - oder die Philosophie der Grazien" von Chr. M. Wieland (1733-1813) angeregt. Wie Musarion und Phanias, die weibliche und die männliche Hauptfigur des idyllisch-ironischen Gedichts, so sollen die beiden Versionen des Stücks ein sich gegenseitig beleuchtendes Paar, ergänzend und widersprechend, bilden.


 
   Damenstimmen
 

    Gertrude Stein behauptet, sie habe mit How to write gezeigt, wie man schreiben müsse; und mit The Making of
Americans glaubt sie, die moderne Literatur begründet zu haben. Jemandem, der einmal zu ihr sagte, er habe festgestellt, daß die drei Genies unserer Epoche Gide, Picasso und Gertrude Stein seien, antwortete sie, ehrlich erstaunt: "Sehr richtig, aber warum zählen sie Gide dazu ?"

    Sie verfasste Tausende von - natürlich hermetischen - Porträts, darunter auch ihr eigenes vermittels einer angeblichen Sekretärin, die vorgibt, von ihr zu erzählen, ohne sie erklären zu müssen: Die Pariser Wohnung mit dem einen und unendlichen Motto auf den Wänden: "Eine Rose ist eine Rose ist eine     Rose", Gertrudes Freunde, Pablo Picasso, Juan Gris, Braque, Anderson, van Vechten, ihre Reisen nach Spanien, Italien, Palma de Mallorca oder auf die Schlachtfelder an der Marne erscheinen in der "Autobiographie von Alice B. Toklas" häufig gar zu amüsant. Gertrudes Gesicht, die krummen Schultern, die durchgeistigten Hände - Picasso hat sie uns vor Augen geführt, wie aus der Wurzel eines abgestorbenen Baumes geschnitten.

    Zweifellos haben die jungen amerikanischen Schriftsteller sehr viel von ihr gelernt; und ihr Verlangen nach barocker Banalität, die sie durch den hochempfindlichen Filter feinster Auslese erreicht, findet sich in den Schriften erfolgreicher junger Männer, wieder, die mühelos und unmittelbar banal sind.

    Gertrude Stein ist außerdem ziemlich mondän und mit dem Clan um Lady Mendl und Lady Ashley verbunden.

    Auch noch im Frühjahr 1940 konnte man, Gertrude Stein zufolge, die Situation in Frankreich nicht für gefährlich halten. "Es lagen zu viele schöne Hütchen in den Schaufenstern", schrieb sie in Paris France , das nach der Niederlage erschien: "Und ich glaubte, so lange ein Volk noch so schöne Hüte herstellte, könne es wirklich nicht kurz vor dem Ende stehen..."

                                                                                               Irene Brin - >Morbidezza<, Berlin 1986

                                                                       Originaltitel: >Usi e Costumi 1920 - 1940< Palermo 1944


      (... )Sie saß unter ihrem von Picasso gemalten Portrait in der Rue de Fleurus und erzählte ausgiebig, die Strümpfe bis auf die Knöchel heruntergerollt, eine prachtvolle, feierliche Kamee an ihrem prachtvollen, feierlichen Busen, so, solide und selbstsicher wie ein Fels, mit einem Gesicht, das >nahezu< unvergänglich war. Als eine der ersten hatte sie Picasso und die Musik Schönbergs und Mahlers gewürdigt. Jetzt gestand sie "eine Schwäche für Hemingway" und, in geringerem Maße, für die liebenswürdige Geschmeidigkeit
Sherwood Andersons ein. Sie umgab sich mit unbekannten Jungen, die literarische Ambitionen hatten. In erster Linie förderte sie sich selbst. So sagte sie: "Ich und Henry James..."

                                                                    (Djuna Barnes - Klagelied auf das linke Ufer, in: Paris, Joyce, Paris)

 

 vom Ende bis  (1993)

    Die musikalischen Formen der abendländischen Kultur sind zu einer Paraphrase der Erinnerung geworden.
                                                                                                                                                                                     (M. Feldman)
 

   Was "geschieht  im Ohr" am Ende eines Stücks?


    Wohin reicht unser Blick, wenn die Form schon "erfüllt" und die Musik bei Endzuständen angekommen ist,
    die keinerlei Entwicklungen erwarten lassen?


    Reicht er vom Ende bis zum Anfang, einfach rückwärts, wie ein Krebs durch die eigene Geschichte oder nach "Woanders“?


    Was passiert, wenn die Erinnerung ihr Recht einfordert und sich gegen die tradierten Formen wendet und aus deren Endzuständen dann doch wieder eine Form gebildet wird?


    Oder ist das keine Form mehr, wenn aus Enden nur Enden wachsen, wenn der ganze Verlauf auch in anderer Reihenfolge und Richtung hätte ablaufen können?


    Was "geschieht" dann "im Ohr" am Ende des Stücks?


 
 
 

„liu-yi / Wasser“ (2001/2002)

 

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An der Wende vom 12. zum 13.Jahrhundert, in Zeitalter der südlichen Sung-Dynastie, malte der chinesische Maler Ma Yuan „12 Ansichten des Wassers“, auf denen nur das unterschiedliche Spiel der Wellen, ohne den sonst üblichen Zutaten von z.B. Bergen, Bäumen oder Schiffen, zu sehen ist.

Ma Yuans Bilder befinden sich genau an der Schnittstelle von Realismus und Abstraktion und sind in ihrer aufs absolut Wesentliche reduzierten Weise besonders typisch für die Ästhetik der chinesischen Malerei (nicht nur) dieser Zeit.

Hier erzeugt das Abstrakte paradoxal das Reale, Lebendige: die chinesischen Kommentatoren der Malerei Ma Yuans heben gerade die besondere „Wirklichkeit“ und „Lebendigkeit“ seiner Darstellungen hervor, obwohl ja allein - oft auch nur in Andeutung – rhythmische Strichmuster auf dem seidenen Malgrund aufgetragen wurden. Wichtig ist dabei: Ma Yuans Bilder haben diesen hohen Abstraktionsgrad, sind aber nie ornamental. Sehr oft lässt sich bemerken, wie die chinesische Malerei realistische und abstrakte Darstellungsweisen mischt. Diese Grenze interessierte mich und so haben Ma Yuans Bilder die Komposition von „liu-yi / Wasser“ angeregt.

 

                        liu2  
 

Im Titel meines Stücks findet sich ein anderer Übergang vom Abstrakten zum Realen: „liu-yi“ bezeichnet in der chinesischen Kosmologie die Zahlen 6 und 1, deren Zusammenspiel auf magische Weise das  „Wasser“ bezeichnet und entstehen lässt.

Faszinierend für mich ist daran der Gedanke, dass abstrakte Zahlen zu lebendigen Elementen führen, dass das Abstrakte eine Realität hervorbringen kann. Die chinesische Kosmologie ist voll von solchen Aspekten, von Zahlenordnungen die Realitäten erzeugen, als wären die Zahlen selbst eine eigene, vielleicht mächtigere Realität als die Wirklichkeit selbst.

    In „liu-yi / Wasser“ treffen so mehrere Doppel-Welten aufeinander:

das Abstrakte und das Reale (man könnte fast „ars und szienza“ sagen)

zwei einander ferne Kulturen und (zugleich) zwei historische „Orte“ (die chinesische Kultur des Ma Yuan und die zentraleuropäische der Jetztzeit)

die Welt der Bilder und die Welt der Musik

die Welt der Natur (des Wassers) und die Welt der Kunst

    In allen diesen Doppel-Welten wird Etwas in ein Anderes „übersetzt“:

6 und 1 "bilden" das Wasser, es entspringt aus dem Zusammenspiel der beiden Zahlen. Zeit und Ästhetik eines chinesischen Malers treffen auf einen europäischen Komponisten des beginnenden 21.Jahrhunderts,der dadurch zum „Übersetzer“ dieser Bilder aus ferner Zeit wird. Aber Bilder sind keine Musik und daher ist, damit Bilder dennoch zu Musik werden, ein Abstraktionsvorgang nötig, durch den aus den Bildern bestimmte Aspekte übernommen werden, die wiederum eine musikalische Sprache und Aussage hervorbringen können. Bildersprache und Musiksprache berühren sich, sind aber nie identisch; die Musik  nie zur Illustration oder Darstellung des Bildes.


    Und: Natur ist keine Kunst, aber auf den Bildern ist nicht irgendetwas, sondern schließlich doch das Wasser zu sehen und in der Musik – wie auch immer – das Wasser vielleicht zu hören. Entscheidend ist in diesen Doppel-Welten immer der Vorgang der „Übersetzung“: wie man von einem Ufer eines Flusses zum anderen „übersetzt“, - so auch vom Komponisten zum Hörer. Der Hörer selbst ist der „Ort der Musik“, er ist der wichtigste „Übersetzer“.

    „liu-yi / Wasser“ entstand 2001/2002 im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks für das WDR Sinfonie-Orchester. Herzlich danken möchte ich Robert J. Maeda von der Brandeis Universität für seine Hilfe bei der Suche nach den „12 Ansichten des Wassers“.

    "liu-yi / Wasser" ist Towako gewidmet.

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     „Spur (für Józef Koffler)“        


                                                                 koffler

„Spur“ ist eine Hommage an Józef Koffler, den ersten 12-Tonkomponisten Polens, der bei Guido Adler Musikwissenschaft studierte, dessen Werke in ganz Europa aufgeführt wurden, der später in Lemberg die erste Professur für atonale Harmonielehre innehatte und der 1943 mit seiner ganzen Familie von deutschen Soldaten  auf offener Strasse erschossen wurde. Ausgehend von seinen „Variations sur un valse viennoise“, einem Stück, das schemenhaft, wie eine Ader im Marmor der Geschichte lagert und auf seine Wiederentdeckung wartet, möchte mein Stück die Spur seines Werks aufnehmen. Zusammen mit Schuberts typischer Wiener Tanzmusikbesetzung des Oktetts ergab sich eine Folge von 20 Variationen: Miniaturen, die das Spiel von Nähe und Ferne, von Anlehnung und Widerspruch, von Erinnerung und Verlust im Bewusstsein für die historische und stilistische Distanz zum Heute versuchen. 

 Spur ist ein Stück über Geschichte und das Erinnern, es weigert sich zu vergessen wie Kofflers Werk unseren Weg vorbereitet hat. Und es ist ein Stück über Sprache in der Hoffnung, dass Geschichte und Erinnern darin ihre Spur hinterlassen: „Die Toten sind vollständig abhängig von unserer Treue…die Vergangenheit braucht unsere Erinnerung…wir protestieren gegen den dunklen See, der so viele wertvolle Leben verschlungen hat.“ (Vladimir Jankélévitch)

“Spur” is a homage to Józef Koffler who was the first polish twelve tone composer, who studied with Guido Adler as a Musicologist, whose works were performed all over Europe, who taught in Lemberg as the first professor for atonal harmony and who was killed by German soldiers in 1943 together with his whole family on the street. Starting with Koffler’s „Variations sur un valse viennoise“, a piece which is waiting in the history of music to be discovered again, I tried to continue the way the piece once began. In relation with Schubert’s little dance orchestra of the octet we find now a series of 20 variations: miniatures, which try the game between close and far from, between remembering and loss always keeping in mind the historical and stylistic distance from Koffler’s style to today.


    “Spur” is a piece about history and remembering, it does not want to forget how Koffler’s music prepared our ways. And it is a piece about language in the hope that history and remembering leave their track (Spur) in the language: “The deaths are completely dependent of our faith….the past needs our remembering…we are protesting against the dark lake, which devoured so many excellent lives.”
(Vladimir Jankélévitch)


 

 

        "Rote Asche"          

                                                           soongs traditionell    soons in chungking

                                            

aus dem Vorwort der Partitur:

 

„Rote Asche“ ist ein Spiel über gelingende und misslingende Kommunikation.  Da es ein Spiel ist, müssen in „Rote Asche“ von den Spielern ständig Entscheidungen getroffen werden. Und da es ein Spiel ist, sind viele Aspekte des Stücks unvorhersehbar, - auch in der Aufführung. Das ist Teil des Spiels und des Charakters des Stücks. „Rote Asche“ ist wesentlich von der Mitwirkung der Interpreten abhängig, denn es existiert nicht als ein maximal festgelegtes Stück oder als maximal festgelegte Partitur. Vielmehr besteht es aus einem „Set“ von Materialien aus drei Bereichen (Film, Text und Musik), die in der Probenarbeit zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Daher ist es unmöglich eine feste Dauer des Stücks anzugeben (vorstellbar sind Versionen von minimal ca. 30’ bis zu mehreren Stunden, Tagen). Alle Entscheidungen aus einem Bereich (z.B. dem Text) haben Auswirkungen auf alle anderen Bereiche (Video, Musik). Diese Auswirkungen entstehen in jedem Fall, aber sie sind in der „Partitur“ nicht festgelegt, sondern sind Teil der Entscheidungen in der Probenarbeit. Wollte man „Rote Asche“ einem Genre zuordnen, so schwebt es zwischen Musiktheaterstück und Installation (im Sinne eines Tableau vivant). Das Stück fordert einerseits keinen bestimmten Ablauf oder eine bestimmte Dramaturgie, aber es verweigert sich andererseits auch  keinem bestimmten Ablauf oder einer bestimmten Dramaturgie. „Rote Asche“ ist grundsätzlich offen für eigene Erfindungen der Interpreten. Die Angaben zu Varianten können ergänzt oder selbst variiert werden. Das Stück ist ein offenes work-in-progress. „Rote Asche“ basiert auf drei Grundcharakteren: „Kindheit“, „Schläge“ und „Wunden“. Diese Reihenfolge kann (aber muss nicht) eine Ordnung für das Stück sein.

 

Musik:

 

Da „Rote Asche“ ein Spiel ist, werden die Interpreten aufgefordert es mit möglichst hohem Risiko zu spielen, alle Regel auch möglichst extrem zu interpretieren und Lücken im Regelwerk frei auszunützen. Die einzelnen Teile von „Rote Asche“ sind oftmals wie ein Katalog angelegt. Das Ziel der Interpretation sollte nicht sein möglichst alle Möglichkeiten zu präsentieren, sondern bestimmte Möglichkeiten zu wählen (Bei einem Spiel zeigt man ja auch nicht alle Richtungen, in die eine Figur gehen könnte, sondern die Wahl einer Richtung wirft immer auch automatisch ein Licht auf die übrigen Möglichkeiten.). Die Materialien sind so angelegt, dass immer nur ein Minimum der Gesamtmöglichkeiten ausgewählt werden sollte. Alle Angaben zu Varianten sind frei kombinierbar, außer bestimmte Kombinationen werden im Text ausgeschlossen.

 

 

 

 

 „phosphor“

 

Konzertstück für Schlagzeug solo und Orchester

 

                                              

la luce verrà

in segreto vivrà…

              (Giuseppe Ungaretti)

 

 

Der äußere Formbau von „phosphor“ ist denkbar einfach, vier Orchesterteile wechseln mit drei Soloteilen:

 

tutti I - solo I - tutti II - solo II - tutti III - solo III – tutti IV

 

Jeder Orchesterteil folgt auf strenge Weise einer (nahezu völlig) automatisierten Konstruktion – auf der Suche nach dem Wechselspiel zwischen Struktur und klanglichen Erscheinung. Und alle Teile sind – warum nicht? - späte Echos serieller Musik. Das Orchester ist dabei in vier Gruppen gespalten, in denen jeder Musiker eine eigene Stimme spielt, das „Ganze“ also nie nur das Ganze, sondern auch immer das Einzelne, Vereinzelte ist.

Das „Solo“ ist wörtlich als ein „allein“ zu verstehen, so dass der Solist in den Orchesterteilen im Ensemble auf- bzw. untergeht, in den Soloteilen dagegen wirklich alleine spielt (mit seltenen Echos im Ensemble, die eher die Distanz zwischen Solist und Ensemble betonen, als Nähe herzustellen). Er wird nie zum Helden, nie zum Subjekt, das die Schöpfung krönt (Gott ist tot), aber auch nicht zum Anti-Helden (er negiert nicht), sondern: er hat in der vorgefundenen Situation schlicht keine andere Wahl. Was bleibt da mehr, als zu tanzen, zu brillieren oder ein „carillon nocturne“ anzustimmen?

Soweit scheint die Situation klar zu sein, aber das Gegenteil ist wohl der Fall: vom Einzelnen zum Ganzen, das Ganze nicht im Ganzen und das Einzelne nicht im Einzelnen ruhend, sondern immer zwischen allen Zwischenstufen und zwischen sich und seiner Rolle oszillierend, stellt das Stück trotz oder gerade wegen seines klaren Aufbaus eine Art „chiaroscuro“ dar, eine – wenn man will – phosphoreszierende Form.

So folgen wir einer Reihe von sieben verschiedenen Bildern, säkularen Responsorien, die nicht respondieren, in welcher der Hörer aber - wie ein Leuchten der Erinnerung - einen Weg, eine Geschichte wahrnehmen und/oder erfinden kann.

„phosphor“ ist Pascal Pons gewidmet.

           

   

 

 

            „in nomine“ für Chor und Streichorchester ad libitum (1999)

 

 

Angeregt durch die Initiative des ensemble recherche entstand in den letzten Jahren eine Vielzahl von Neukompositionen über den „in nomine“-cantus firmus, den John Taverner dem Benedictus seiner Messe „the western wynde“ zugrundegelegt hatte. Dieser Mess-Satz regte eine große Anzahl damals zeitgenössischer Komponisten zu Instrumentalkompositionen an und trug damit in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts wesentlich zur Herausbildung der reinen Instrumentalmusik in der gemischten Besetzung des broken consort bei. Mein „in nomine“ für Chor ist,  nach einem Streichtrio und einem Ensemble mein dritter Versuch über diesen besonderen cantus firmus, der sich in seiner ursprünglichen Gestalt wesentlich dadurch auszeichnet, dass er aus immer gleichen Tondauern und vielen Tonwiederholungen besteht. Wie unschwer zu erkennen ist, werden die musikalischen Mittel in meinem Chorsatz auf ein Minimum, auf ihre sich wechselseitig betrachtende Gleich- oder Blockartigkeit reduziert. Wenn in den Adern des Marmors sich die Spuren der Geschichte finden, so ist es möglicherweise auch spannend der Geschichte des Marmor- oder Klang-Blockes selbst nachzulauschen. Die Musik wartet - vielleicht im doppelten Sinn - und die Stille wird dabei - wie Morton Feldman sagt - zum (sprechenden) Kontrapunkt.

 

 

            „play“ (2006)

 

 

„Noch einmal, gewiss, aber für mich ist noch einmal stets ein neues Mal, auf jedes Mal ganz neue Weise, nochmals ein erstes Mal, einmal mehr und ein für allemal das erste Mal. Nicht ein einziges Mal für immer, sondern ein für allemal das erste Mal.“

(Jacques Derrida)

 

„play“ ist weitest möglich von allem entfernt, was man normalerweise „Spiel“ oder gar „game“ nennt. Zu denken ist wohl eher an das japanische Go-Spiel (das viele Stunden dauert und keine absoluten Sieger kennt) oder an die Art wie Kinder alleine spielen und durch das Spielen lernen, ernst und konzentriert, oder an eine Haltung, wie bei Schumann, dessen Vortragsbezeichnung für „play“ übernommen wurde: „ruhig und gespannt“. „play“  spielt, gerade weil das Stück sehr bedächtig ist, mit kleinen überraschenden Wendungen, die - zum Glück - nicht begründbar sind.

 

Herzlichen Dank  an Orm Finnendahl für  seine große Hilfe bei der Erstellung der Zuspielung.

 

„play“ ist Wilhelm Müller gewidmet.

 

 

 

« Encore une fois, certes, mais « encore une fois » est pour moi toujours une nouvelle fois, en tout cas une nouvelle fois d'être à nouveau une première fois, une fois de plus et une fois pour toute la première fois. Pas une seule fois pour toujours, mais une fois pour toute la première foi s. »

 (Jacques Derrida)

Play, plus que tout, se détache de tout ce que l'on appelle communément « jeu » ou même « game ». On pense plutôt au jeu japonais Go (qui dure des heures sans avoir de vrai vainqueur) ou à la façon de jouer et d'apprendre par le jeu des enfants, sérieuse et concentrée, ou à l'attitude dont la désignation, comme chez Schumann, corresponds à play : « tranquille et détendue ». Play joue avec des petits changements inattendus, qui, heureusement, n'ont pas besoin d'être justifiés, justement parce que le morceau est très bien conçu.

Some play every day.
Some play all day.
Some play to-day.
Some play and play.
Some play and play and play.
Some play every day and all day.
Some play away.
Some play and play and play.

(Gertrude Stein: portraits and prayers, 1906)

 

 

            „Echo“ (2007)

 

 

Dem gängigen Mythos zufolge wurde die Nymphe Echo von Hera der Sprache beraubt und es blieb ihr allein die Fähigkeit die Wörter Anderer zu wiederholen. Hera, die Echos Geschichten, welche sie davon ablenken sollten, dass sich Zeus auf amourösen Abenteurern befand, überdrüssig war, wurde bei ihrem Ersatzracheakt nicht bewusst, dass sie damit eine besondere Form der Sprache erzeugte, die das Neue und oftmals Brisante gerade in der und durch die Wiederholung zu sagen vermag. Die Dichter, die bis heute Erben des Gesangs, des Reims und der Wiederholung sind, spielen immer neu mit der minimalen Differenz, die im Spalt zwischen Original und seiner Echokopie entsteht.

 

Piú non muggisce, non sussura il mare,

Il mare.

Nicht mehr brüllt, nicht mehr flüstert das Meer,

Das Meer.

 

(G. Ungaretti)

 

            sérigraphie :  nocturne

            (2007)

 


           Serigraphie (Siebdruck) ist ein Druckverfahren, bei dem die Farbe nicht direkt, sondern durch einen Stoff oder eine Textur auf eine Oberfläche aufgetragen wird. Dabei können sowohl der Stoff, seine Webart, als auch die Oberfläche und die Farbe variieren (vom Motiv ganz abgesehen).  Serigraphie kann so - im übertragenen Sinne - als das Sichtbarmachen der Brille des Betrachters auf dem Objekt der Betrachtung bezeichnet werden. In einer musikalischen "Serigraphie" entspricht das Original dem Motiv und der Komponist/Bearbeiter dem Drucker, der Siebe, Schablonen, Farben und viele technische Raffinements der Drucktechnik wählt. So entsteht das Motiv, das Objekt der Komposition/Bearbeitung, das oft durch die Drucktechnik nahezu unkenntlich wurde, im Hörer.

            „nocturne“ ist der erste von fünf Sätzen aus „sérigraphies“.  Die nachfolgenden Sätze heißen: „barcarolle“, „prélude I“, „prélude II“ und „prélude III“.

 

 

 

 

slow colours – for Danny Yung (2008)

 

 

 

slow colours – for Danny Yung sind zwei musikalische Skizzen, die im Spannungsfeld zwischen Instrumentalaufnahmen und elektronischer Bearbeitung entstanden sind. Charakteristisch für alle diese Stücke ist eine wundersam langsame Bewegung oder Entwicklung, auch wenn die einzelnen Töne manchmal tanzen. Das wunderbare Theater Danny Yungs hat mich zu diesen Formen angeregt.

 

slow colours – for Danny Yung are two musical sketches which were developed in the field of tension between recordings of instrumental music and their electronic transformation of electronic music. The main character of these pieces is a kind of slow motion or development, even when the notes seem to dance sometimes. The wonderful theatre of Danny Yung is the source of inspiration for these pieces.

 

 

oréade (2009)

 

 

„Ninfa, Aura, Gradiva… Wohin gehen sie also, all die Nymphen dieses subtilen Pantheons (dieses Pantheons des Gedächtnisses und der Zeit, des Windes und des Faltenwurfs, der Trauer und des Wunsches)? Welches Ziel steuern ihre tanzenden Schritte an? Bis wohin reicht ihre grundlegende Grazie? Vermutlich macht es keinen Sinn, die Frage so zu stellen. Denn die Ninfa geht nie „irgendwohin“. Sie taucht immer in der Gegenwart des Blicks auf, und dieses Auftauchen verweist immer auf ihre ewige Wiederkehr.“

(G. Didi-Huberman – Ninfa Moderna)

 

 

rota (2008)

 

 

Niemand weiß, ob sie ein schneller Volkstanz aus der Provinz Aragón, welcher von einzelnen Paaren in wilden Drehungen getanzt wird und dessen Begleitung aus einem rauen Gesang, Kastagnetten und Gitarren besteht, ist, aber an einem Kapitell im Kloster Moissac (um 1085-1115) ist ein spielender Begleiter König Davids mit der Beischrift NAME (=Eman) CVM ROTA dargestellt und Ruodelieb (Epigramm XI; 11.Jh.) spricht von einem Zupfinstrument ähnlich einer Zither: …inuenit…David psalterium triangulum id est rottam (ahd. Rotta; mhd. rotte; altfrz. rote; altprov. und latinisiert rota; gallo-romanisch chrotta, chrota), eine Annahme, die ein Dokument des 15.Jahrhunderts in der Bayrischen Staatsbibliothek München …rott, chordas habens ex utraque parte ligni cauati stützt - von Wolf lapidar mit dem Satz kommentiert: Hoc instrumentum est multum volgare. Der Rotulus (lat. Rolle; frz. Rouleau; engl. Roll) ist dagegen eine Art Rolle aus aneinander geklebten oder genähten Blättern, welche, beschrieben auch mit mehrstimmiger Musik, im 14.-15. Jahrhundert mehrfach bezeugt ist, und das Rheinische Wörterbuch (erstellt im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und des Provinzialverbandes der Rheinprovinz, 9 Bände) erwähnt ebenfalls eine Rolle (das Wort ist allg., u. zwar Rhfrk rol, o-, u-; Mosfrk -o-, o-; Siegld -ō-; sonst -o-, Pl. -lə(n), ·l.ə(n), Demin. relχə(n), re·l.χən, ę-, -ø-; Nfrk rø·l.əkə, lskə, ltšən, ltjə f.:) sowie ein „zusammengerolltes Schriftstück“ in mlat. Kanzleisprache (rotulus, rotula = `Rädchen'), welches als röl das über die Weinberge zu führende Jahr- u. Tagebuch, worin die Anlagen, Düngung, Arbeiten usf. eingetragen wurden, bezeichnet. Auch finden wir die (?) Radel, deren ältester Beleg sich in der Lambacher Liederhandschrift (2. Hälfte des 14.Jahrhundert) der Wiener Nationalbibliothek mit dem Text Martein liber Herre, Ain r. von drein stimmen befindet und dem Round oder Roundel aus Shakespeares Midsummer Night’s Dream (2.Akt, 2.Szene) verwandt zu sein scheint, welche (?) im 17. Jahrhundert einen Tanz oder Nachtanz, bei dem die Tänzer einen Kreis bilden, vorstellen und vermutlich in Beziehung zu den Estampien Lamento di Tristano und La Manfredina in Lo stehen. Bei Caroso (1581 und 1600) ist wiederum eine Bezeichnung für einen unbestimmten Nachtanz in der Satzfolge: Balletto – Gagliarda – La Rota – Canario, verzeichnet, genauer unterschieden als: La rota grave – La rota in saltarello - La rota in gagliarda und über den Rondellus sagt beiläufig der ehrwürdige Odington in De speculatione musices (um 1320): Id est [cantus] rotabilis vel circumductus, ein Stimmtauschstück, in dem mehrfach die Vorstellung des „Runden“ wiederkehrt, welche sich beim Rondeau (frz.; ältere Wortform: rondel) auf Rundtanz (Reigen) und oftmaliges Wiederholen eines Refrains zu beziehen scheint: die herausragende Quelle F sowie ein ausdrückliches bischöfliches Verbot aus dem Jahre 1249 weisen auf eine weite Verbreitung auch im kirchlichen Bereich, vergleichbar der neueren Rota Rota, welche, als kreise sie gleichzeitig um interne und externe Achsen, ein Ballo tondo (Rundtanz) im neapolitanischen Dialekt, der dem italienischen gira (Dreh dich!) entspricht und hier den Charakter einer Formel, die während des Tanzes ausgesprochen wird, um die magischen Bilder des Kreises zu beschwören, erhält, ist;  vgl. auch: round dance · Rundtanz {m} · round each other {adv} · umeinander ... rose — rotarota — rott — roug — roul — roun — roun — rout — rowd — roya, und: rotulum (est, quid voluitur ad modum rote) (wiederum bei Wolf) bzw. rotunda vel rotundellus (J. de Grocheo), also einfachste Bewegungen, gespalten, verflochten, ineinander verstrickt, wie Körper, Arme und Beine der Tänzer in der Drehung, im Kreisen, im Taumel, im Schwindel.

 

 

Programmtext (Kurzversion)

 

 

NAME (=Eman) CVM ROTA rotta rotte rote et rota psalterium triangulum id est rottam chrotta jota chrota rott chordas habens ex utraque parte ligni cauati rotulus et rolle rouleau roll rol rotulus rotula rädchen röl radel round roundel rota grave rota in saltarello rota in gagliarda et rondellus cantus rotabilis vel circumductus et rondeau rondel rondo rundtanz round dance reigen Rota Rota ballo tondo gira rose rota rott roug roul roun rout rowd et roya rotulum (est, quid voluitur ad modum rote) rotunda vel rotundellus.

 

 

Assonanzen (2010)

 

Etüde für Mezzosopran und Klavier

auf einen Text von Joseph von Eichendorff

                                                                        Assonanzen sind falsche Reime, luftige Terzen, An- und Nach-Klänge, Felder unbewusster Assoziationen und riskanter

Verbindungen - wie weit geschwungene Brücken in den Hochalpen.

Assonanzen sind Zwischenwesen, schwebend zwischen Konsonanz und Dissonanz, weder Reim noch freier Klang, leichte Gesänge zwischen Schweigen und direkter Rede, weit mehr Verbindung als Verbundenes.

Assonanzen, diese nymphenähnlichen Wesen der Literatur und Musik, setzen terzenselig und beständig um sich selbst kreisend Klavier-Punkte, welche zusammen mit einer auf- und ab-gleitenden Melodie in leichter Tanzform die ganze Lust und Last des Erfindens, von der Eichendorffs Gedicht, das, wie die Musik, eine Etüde über die Nymphe Echo, die im Nachsprechen den Reim erschuf, spricht, besingen.

 

 

Assonanzen

 

Hat nun Lenz die silbern’n Bronnen

Losgebunden:

 

Knie ich nieder süßbeklommen

In die Wunder.

 

Himmelreich ! so kommt geschwommen

Auf die Wunden !

 

Hast du einzig mich erkoren

Zu den Wundern ?

 

In die Ferne süß verloren,

Lieder fluten,

 

Dass sie, rückwärts sanft erschollen,

Bringen Kunde.

 

Was die andern sorgen, wollen,

Ist mir dunkel,

 

Mir will ewger Durst nur frommen

Nach dem Durste.

 

Was ich liebe und vernommen,

Was geklungen,

 

Ist den eignen tiefen Wonnen

Selig Wunder !